Wie lange hält ein künstliches Hüftgelenk?

Die Frage nach der Mindesthaltbarkeit bewegt alle Hüftleidenden

Klaus Baumann auf seinem Weg über die Alpen

Low-Impact wie Rad fahren mögen die künstlichen Hüftgelenke. Selbst zwei Stürze haben sie überlebt.

Bereits mit Anfang 50 hatten meine beiden Hüftgelenke ihre ursprüngliche Funktion eingestellt: Sie waren nicht mehr in der Lage, schmerzfreie Bewegungen zu gewährleisten. Zudem raubte mir ein fieses Pochen und Puckern in beiden Hüften nachts meinen Schlaf. Als zum ersten Mal das Thema „künstliches Hüftgelenk“ aufkam, beschäftigten mich vor allem zwei Fragen: – Bin ich nicht viel zu jung für künstliche Hüftgelenke? – Wie lange werden diese Hüft-Totalendoprothesen (Hüft-TEPs) eigentlich halten? Die erste Frage habe ich für mich bereits eindeutig geklärt: Wenn der Schmerz unerträglich wird, kann man sich durchaus operieren lassen. Auch, wenn man sich für einen jungen Hüpfer hält. Und vor allem dann, wenn alle vorhandenen Lösungsoptionen zuvor kläglich gescheitert sind. Die zweite Frage, wie lange meine beiden Implantate durchhalten werden, ist jedoch weiterhin offen. Zumindest haben meine TEPs schon mal 2,5 Jahre schadlos überstanden. Aber alle Hüftleidenden, ob vor oder nach der Hüftoperation, beschäftigt diese Frage immer wieder.

Lockerungen, Infektionen und Verschleiß der Hüft-TEPs

Im Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) wird die Versorgung mit künstlichen Hüftgelenken kontinuierlich statistisch erfasst. Aufgrund der wachsenden Datenbasis lassen sich zunehmend präzise Schlüsse daraus ziehen, worin die häufigsten Ursachen für Folgeeingriffe im Bereich Hüftoperationen liegen und wie lange die Lebensdauer einer Hüft-TEF angesetzt werden kann. Aus meinem Experteninterview mit Dr. Hey, Geschäftsführer des EPRD, lässt sich schlussfolgern, dass die sog. Standzeiten eines künstlichen Hüftgelenkes von vielen Variablen abhängen. Das zeigt alleine die Auswertung der Folgeeingriffe bei Hüftgelenken im Jahr 2019. Demnach war die häufigste Ursache mit 27 Prozent die Lockerung des Implantats. Es folgte mit 15 Prozent eine Infektion und mit 8 Prozent der Verschleiß des Implantats. Hier stellt sich wiederum die Frage, wie es zu den besagten Lockerungen, Infektionen und zum Verschleiß kommen konnte? Persönlich weiß ich sehr wohl, dass meine beiden Stürze mit dem Fahrrad, die sich nach meiner Operation ereigneten, rein theoretisch eine Lockerung hätten verursachen können. Aber darüber möchte ich an dieser Stelle gar nicht weiter nachdenken Dr. Hey nennt aber auch mit Verweis auf wissenschaftliche Quellen eine Zahl, die grundsätzlich alle Betroffenen durchatmen lässt: Standzeiten von bis zu 20 Jahren seien möglich.

High-Impact und Low-Impact

Zunächst irritierte mich der Zusatz „bis zu“. Aber letztendlich besagt diese Prognose, dass wir die Haltbarkeit unserer künstlichen Hüftgelenke entscheidend selbst beeinflussen können. Ob wir nun die 20 Jahre vollmachen oder unsere Implantate vorher schlapp machen, liegt vor allem daran, wie behutsam wir mit unseren Hüftprothesen umgehen. Was die TEPs weniger mögen sind die sog. High-Impact-Sportarten, welche mit hohen Stoßbelastungen für unsere neuen Gelenke verbunden sind. Denn rein statistisch nimmt die Lebensdauer unserer Endoprothesen bei intensiver Ausübung von High-Impact-Sportarten ab. Der High-Impact-Klassiker ist das Joggen. Ich war von meinem 16ten Lebensjahr an bis zu den ersten Hüftschmerzen ein begeisterter Renner und konnte mir ein Leben ohne Laufsport gar nicht vorstellen. Doch meinen künstlichen Begleitern zuliebe habe ich nun einen gesunden Kompromiss für mich gefunden: Das Joggen habe ich durch Low-Impact-Sportarten abgelöst. Und wenn mir danach ist, ziehe ich doch mal meine Jogging-Treter an und gleite sanft für eine halbe Stunde auf weichem Boden dahin. Das passiert aber maximal dreimal pro Monat. Und wie geht es mir dabei? Ich muss gestehen, dass ich mit diesem Kompromiss besser leben kann als mit dem schlechten Gewissen, durch zu harten Aufprall möglicherweise Lockerungen zu verursachen.

Was will ich meinen künstlichen Hüftgelenken zumuten?

Letztendlich muss jeder und jede Hüftoperierte die Entscheidung für sich selbst treffen, was man seinen künstlichen Hüftgelenken zumuten will oder besser nicht. Denn aus dem umfangreichen Konsum von Beiträgen und Empfehlungen zu dem Thema weiß ich mittlerweile, dass es die eine richtige Experten-Einschätzung zu dem Thema „Welche Sportarten ich mit einem künstlichem Hüftgelenk ausüben sollte“ nicht gibt. Denn die beratenden Ärztinnen und Ärzte bewegen sich hier auf einem sehr schmalen Grat: Auf der einen Seite wollen sie die künstlichen Hüftgelenke ihrer Patientinnen und Patienten bestmöglich schützen. Auf der anderen Seite gilt es aber auch, den Bewegungsspielraum der Operierten nicht unnötig einzuschränken. Persönlich musste ich meinen geliebten Fußball an den Nagel hängen, somit ist die Luft hier endgültig raus. Das Joggen ist nur noch eine Randsportart. Dennoch fühle ich mich prächtig: Der regelmäßige Gang in mein Fitnessstudio, Workouts sowie Radeln und Spazierengehen haben die heiklen Sportarten optimal kompensiert. Und wenn ich mal auf einer Wiese gegen einen Fußball trete, habe ich das Gefühl, dass meine TEPs mit mir schimpfen, was sofort einen hohen Impact auf mich hat.

Die nächste TEP-Paarung ist bereits eingeplant

Angenommen ich hätte mir zum Ziel gesetzt, 108 Jahre alt zu werden. Dann hätte ich Stand heute gerade mal die Hälfte rum. Und es wäre in diesem Fall ziemlich naiv zu glauben, dass ich mit der bestehenden TEP-Paarung bis zum Ende auskommen werde. Somit habe ich bereits TEP Nr. 3 und TEP Nr. 4 fest eingeplant. Ist auch kein Drama, denn mittlerweile weiß ich, dass ich die Operation und die nachfolgende Reha auch ein zweites Mal durchstehen werde. Da vertraue ich vollkommen der Medizin und der Technik. Wenn ich also in 17,5 Jahren erneut unter das Messer müsste, wer weiß, ob es dann überhaupt noch aktive Hüft-Operierende geben wird. Vielleicht wird uns dann ein Roboter Higt-Tech-Implantate einsetzen, die sich weder lockern noch verschleißen werden. Diese innovativen TEPs – wahrscheinlich eine Innovation von Google Health – werden bestimmt mit einem integrierten, digitalen Sensibilisator ausgestattet sein, der mit meiner Armbanduhr gekoppelt sein wird. Wenn ich also mit Anfang 70 mit Hüft Nr. 3 und Nr. 4 wieder jogge, wird meine Uhr laut piepen, sobald ich meine persönliche High-Impact-Schwelle überschritten habe. Nee, lass mal. Dann lieber low. Wenn Ihr mehr wissen wollt, schaut rein in das Buch „Titan für den Titan – Mein holpriger Weg zu zwei künstlichen Hüftgelenken“

Kategorien: Blog

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